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Emsdetten

Für Therapeuten wird‘s eng

Die Situation für die Heilmittel-Erbringer ist belastend / Keine finanzielle Hilfe

Freitag, 27. März 2020 - 16:26 Uhr

von Jacqueline Beckschulte

Foto: picture alliance / dpa

Die Physio- und auch Ergotherapeuten behandeln zurzeit nur Menschen mit einer ärztlichen Verordnung. Vieles läuft bereits virtuell ab.

Die Menschen in Heilmittel-Berufen bangen um ihre Existenz: Nicht nur Physiotherapeutin Heike Ziemann, die Praxen in Dülmen-Rorup und Nottuln-Darup betreibt (siehe Ausgabe vom Freitag), sondern auch die lokalen Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden und Podologen.

Krankenkassen sollen helfen

Es gibt bisher keine finanziellen Hilfen. Für Einzelhändler, Gastronomen, Frisöre, große und kleine Unternehmen haben Bund und Länder Rettungsschirme zugesagt. Die greifen für die Heilmittel-Berufe nicht – noch nicht.

„Wir können nicht genau beziffern, wie hoch unsere Verluste aktuell sind. Das wird sich erst später zeigen, wenn wir mit den Krankenkassen abrechnen, also im Mai, Juni, Juli...“, erklärt Physiotherapeutin Grit Hölscher den Grund.

Felix Hardt ist Logopäde mit eigener Praxis und Vorsitzender des Vereins der selbstständigen Logopäden in Westfalen-Lippe. Er hat für seine Mitarbeiter bereits Kurzarbeit angemeldet. Für ihn und seine Frau – die beiden betreiben die Praxis gemeinsam – greift dieses Modell nicht. So lange es geht, versucht Grit Hölscher das zu verhindern. Das Einkommen eines Physiotherapeuten sei nicht so üppig wie bei einem Zahnarzt zum Beispiel: „Wie sollen meine Mitarbeiter dann mit nur 60 Prozent auskommen?“ Zudem sei der Schritt in die Kurzarbeit nicht so einfach, wie es von der Politik dargestellt würde, sagt sie.

Man hoffe nun auf Hilfe von den Krankenkassen, sagt Hardt. Und die hätten schon einige Maßnahmen ergriffen, heißt es von einem Sprecher der AOK Nordwest. Offiziell wollte sich dieser unserer Zeitung gegenüber aber nicht äußern und verwies an den GKV Spitzenverband in Berlin, dort würden die Entscheidungen getroffen. Doch aus der Hauptstadt gab es bisher keine Antworten auf unsere Fragen.

Ein Rattenschwanz ohne Ende

Von der Stadt Emsdetten wurde angeordnet, dass nur noch medizinisch dringende Fälle in direktem Kontakt behandelt werden dürfen. Doch auch die sagen zum Großteil ihre Termine ab, weiß Emilia Kowalski. Der überwiegende Teil ihrer Patienten gehört zur Risikogruppe – sei es aufgrund des Alters oder einer Krebserkrankung. „Die Menschen haben Angst rauszugehen“, so Kowalski. Zwei ihrer Mitarbeiterinnen machen ausschließlich Hausbesuche in Pflegeeinrichtungen, Altenwohnheimen und im Hospiz – „auch da will man uns nicht mehr haben“, klagt die selbstständige Physiotherapeutin.

Doch auch die Folgen einer nicht erfolgten Behandlung sollte man auf dem Schirm haben, warnt Emilia Kowalski. „Am Ende belegen diese Menschen, die jetzt nicht behandelt werden, die Krankenhausbetten.“ Der Rattenschwanz nehme kein Ende... auch was die finanzielle Lage angeht. Kowalski versucht alles, was eben geht, zu stunden – „doch die Nebenkosten für Miete, Telefon usw. laufen weiter.“ Und auch die Stundungen würden ihr irgendwann „in die Hacken laufen“, sagt sie. Denn die Zahlungen sind nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Neue Wege der Behandlung

Auch der Terminkalender in Felix Hardts Praxis sieht mau aus: Die Absagenquote belaufe sich quasi auf 100 Prozent. „Die Patienten sind verunsichert“, stellt auch Grit Hölscher fest. Das sei das größte Problem. Dabei gebe es keinen Grund zur Sorge, sagt sie. „Wir arbeiten mit Handschuhen und Mundschutz, um unsere Patienten vor einer Ansteckung zu schützen“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wenn sie jetzt nicht kommen, dann gibt es bald keine Praxen mehr. Dann sind wir alle Pleite.“

Um noch etwas Geld in die Kasse zu spülen, gehen viele Therapeuten neue Wege. So macht es auch Gudrun Denker. Sie ist Ergotherapeutin und macht einen Großteil ihrer Behandlungen nun per Videoanruf. So sichert sie ihre Existenz „und wir wollen unsere Klienten nicht hängen lassen.“ Bei einigen gehe es in diesen Zeiten gar nicht um die Übungen, vielmehr brauchen sie ein offenes Ohr, jemanden, mit dem sie sprechen können. „Die Menschen vereinsamen sonst zuhause“, sagt Denker.

Als absehbar war, was das Virus für Ausmaße annimmt, hat Denker vielen ihrer Klienten schon Hausaufgaben aufgegeben – sie hat ihnen unter anderem Bewegungs- und Konzentrationsübungen mit an die Hand gegeben. Die Resonanz auf ihre derzeitigen Behandlungsmethoden ist zum Großteil positiv, berichtet die Emsdettenerin. „Es muss ja weitergehen.“