Emsdetten

Igel brauchen Menschen mit Herz

Simone Ohrmann und Sandra Boes kümmern sich um schwache und verwaiste Tiere

Montag, 26. Oktober 2020 - 06:00 Uhr

von Jacqueline Beckschulte

Foto: Jacqueline Beckschulte

Sie waren mutterseelenallein und erst wenige Tage alt, als Franzi und Sissi gefunden wurden. Danke ihrer Ziehmütter entwickeln sich die beiden nun prächtig. EV-Fotos: Beckschulte

Sie waren mutterseelenallein. Hungrig – und erst wenige Tage alt. Sissi wurde auf einem Parkplatz in der Nähe von Stroetmanns Fabrik aufgegabelt, Franzi saß tagelang allein auf einem Misthaufen. Überlebt hätten beide nicht. Doch sie haben Glück gehabt, haben liebevolle Hände gefunden, die sich um die jungen Igelmädchen kümmern.

Nicht einfach mitnehmen

Simone Ohrmann und Sandra Boes stecken viel Herzblut in die Pflege von verwaisten und schwachen Igeln, die es alleine nicht über den Winter schaffen. „Gerade ist Hochzeit“, erklärt Sandra Boes, die selbst noch quasi Neuling in Sachen Igelhilfe ist. Immer mehr Tiere brauchen Hilfe. Sie finden immer weniger Futter in der Natur – Grund dafür ist das Insektensterben. Spinnen, dicke Käfer und Bodeninsekten stehen auf ihrer Speisekarte. „Igel sind Fleisch- und Aasfresser“, erklärt Simone Ohrmann, die schon seit sieben Jahren Igel päppelt. Doch auch mit trockenem Katzenfutter kann man die Tiere glücklich machen – und sie das ganze Jahr über zu füttern. Dafür gibt es spezielle Futterhäuschen für Igel.

Foto: Jacqueline Beckschulte

Sandra Boes (l.) und Simone Ohrmann kümmern sich mit Herzblut um verwaiste Igelkinder.

Aber es ist nicht so, dass pauschal jeder Igel eingesammelt und gepäppelt werden muss, betonen die Expertinnen. „Igel sind nachtaktiv und wer jetzt tagsüber ein Tier entdeckt, kann davon ausgehen, dass es krank, alt oder extrem hungrig ist“, erklärt Simone Ohrmann. Ein zweiter Anhaltspunkt ist die Größe: „Wenn sie nicht größer als eine Pampelmuse sind, überstehen sie den Winter nicht ohne Hilfe“, ordnet es Sandra Boes für Laien ein. Tiere, die größer sind und ab der Dämmerung aktiv werden, sollte man auf keinen Fall mitnehmen – und vor allem nicht irgendwo anders wieder aussetzen. „Igel sind reviertreu“, macht Simone Ohrmann deutlich.

Gerade jetzt kommen fast täglich Anfragen, ob die beiden Frauen Igel aufnehmen können. Doch sie sind am Rand ihrer Kapazitäten. Jede päppelt derzeit zwei Igel – bei Sandra Boes zuhause leben Franzi und Sissi, die noch mit Milch gefüttert werden. Im Bad der Ohrmanns leben Leo und Lotti in ausrangierten Kaninchenkäfigen. Die beiden Frauen sind dringend auf der Suche nach Mitstreitern, die ebenfalls ein Herz für Igel haben. „Wir brauchen dringend Überwinterungsplätze und für kommendes Frühjahr auch Plätze zum Auswildern“, erklärt Simone Ohrmann.

Als Projekt zum Winter?

Um zu helfen, muss man keinesfalls Experte sein. Futter, Wasser und ein kühler Raum reichen schon fast aus. Für den Winterschlaf tut’s auch ein Plätzchen auf der Terrasse oder dem Balkon. Arbeit hat man mit den Tieren kaum – „ich mache die Käfige morgens vor der Arbeit sauber, das dauert maximal zehn Minuten“, sagt Simone Ohrmann. Wenn sie bei passenden Außentemperaturen in den Winterschlaf fallen, hat man im Prinzip gar keine Arbeit mehr damit. Denn dann schlafen sie einfach – und das mehrere Monate lang. Bis zum nächsten Frühjahr. Ein Schälchen Futter und Wasser sollten trotzdem bereit stehen, „falls der Igel doch zwischendurch aufwacht“, erklärt Sandra Boes.

Um einen Igel im Frühjahr dann wieder auszuwildern, braucht es einen Garten – idealerweise ohne Zaun und nicht an einer befahrenen Straße –, einen Kaninchenfreilauf und ein Häuschen. Zwei Wochen dauert es dann ungefähr, bis der Igel seinen Weg geht. „Mit Glück kommt er immer wieder zurück“, erklärt Sandra Boes.

Darüber hinaus können sich die tatkrätigen Helfer immer darauf verlassen, dass die beiden Frauen ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen: „Wir unterstützen, wo wir können.“

Auch Menschen, die keinen Platz oder keine Möglichkeit haben, einen oder mehrere Igel bei sich aufzunehmen, können trotzdem unterstützen. Denn es werden dringend auch ausrangierte Kaninchenkäfige gebraucht, „oder Menschen, die Lust haben, Ställe oder Futterhäuschen zu bauen. Vielleicht jetzt als Projekt mit den Kindern im Winter“, so Simone Ohrmann.

Igel aufpäppeln?

Wer einen Igel bei sich zu Hause aufnehmen möchte, meldet sich gerne in der EV-Redaktion unter Tel. (02572) 956044 oder per E-Mail an jacqueline.beckschulte @ev-online.de. Auch wer ausrangierte Kaninchenställe oder -freiläufe spenden möchte, darf sich melden.