Mehr Tests und der Zufallsfaktor

Mehr Tests und der Zufallsfaktor

Pressegespräch in Zeiten von Corona: Auf der Terrasse der Kantine erläutern Kreis-Pressesprecherin Kirsten Weßling (3.v.l.), Krisenstabs-Leiter und Kreisdirektor Dr. Martin Sommer (3.v.r.), Gesundheitsdezernent Tilman Fuchs (2.v.r.) und der medizinische Einsatzleiter Corona, Dr. Karlheinz Fuchs (ganz r.), die Maßnahmen des Kreises.

Mit aktuell 48 Verstorbenen fast die Hälfte aller Corona-Toten im Münsterland, zudem relativ viele Infizierte: Der Kreis Steinfurt steht oberflächlich betrachtet nicht allzu gut da in der Pandemie. Und dennoch ist der Krisenstab des Kreises davon überzeugt, dass seine Arbeit in der Summe erfolgreich ist. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick, denn die Wahrheit ist komplizierter.

Große Ausbrüche in zwei Altenheimen

„Mehr als die Hälfte der Verstorbenen stammt aus zwei besonders betroffenen Altenpflegeeinrichtungen in Emsdetten und Metelen“, erklärt Dr. Karlheinz Fuchs, der medizinische Einsatzleiter Corona beim Kreis. Und Krisenstabschef Dr. Martin Sommer ergänzt: „Da spielte auch der Zufall eine Rolle, wir haben die gleichen strengen Schutzmaßnahmen wie anderswo auch.“ Natürlich stelle man sich die Frage, warum der Kreis relativ stark betroffen sei, sagt der Kreis-Gesundheitsdezernent Tilman Fuchs, aber das habe eben auch ganz wesentlich mit den zwei großen Ausbrüchen in den Altenheimen zu tun.

Eine Konsequenz daraus: Seit gut zwei Wochen lässt der Kreis alle Bediensteten in den Altenpflegeeinrichtungen im Kreisgebiet auf das Virus testen, bei gut 7.000 Personen eine echte Herkulesaufgabe. Sommer: „Dafür brauchen wir insgesamt sechs bis sieben Wochen.“

Für die hohen Infiziertenzahlen hat Dr. Karlheinz Fuchs eine Erklärung parat, die nicht von der Hand zu weisen ist: „Wir haben sehr früh unsere Testkapazitäten aufgestockt und testen seitdem mehr als in vielen anderen Regionen. Da ist die Dunkelziffer niedriger und Sie finden natürlich mehr Infizierte.“ Alleine der Kreis habe in seinen beiden Abstrich-Containern bislang über 10.000 Personen getestet, insgesamt komme man im Kreisgebiet auf annähernd 15.000 getestete Einwohner.

Schnelle Entscheidungen

Seit gut zwei Monaten bekämpft der Krisenstab Corona im Kreis, ohne Wochenende und ohne feste Feierabende. „Über 350 Personen arbeiten da mit“, so Tilman Fuchs, das sei quasi ein eigenes neues Gesundheits-Unternehmen. Dezernatsübergreifend wurden und werden schnelle Entscheidungen getroffen, etwa bei der Beschaffung von Schutzmaterial. Sommer dankte ausdrücklich der Kreispolitik für den Vertrauensvorschuss und die Bereitstellung von sechs Mio. Euro in dieser Krise sowie der Bevölkerung für deren Besonnenheit.

Drei Prämissen bestimmen laut Sommer das Handeln des Krisenstabs: möglichst frühzeitig Infektionsketten durchbrechen, das Gesundheitssystem bestmöglich aufrüsten und fortwährend Schutzausrüstung organisieren. „Alles ist uns bisher recht gut gelungen“, meint der Kreisdirektor: „Wir sind jederzeit handlungsfähig geblieben.“ Entwarnung mag er aber nicht geben, im Gegenteil: Es müsse sichergestellt werden, dass sich keine zweite Infektionswelle ausbreite. „Entsprechend vorsichtig haben wir bei den Lockerungsmaßnahmen zu sein.“

Vor allem pflegebedürftige Patienten gelte es bestmöglich zu schützen. Im Fieberlazarett in Laer sei man bei der Versorgung der Pflegebedürftigen personell kürzlich an Grenzen gestoßen, daher seien die Patienten nach Lengerich verlegt worden.

„Testen, testen, testen!“

Dr. Karlheinz Fuchs nennt neben den Infektionsketten, die es zu durchbrechen gelte, einen weiteren Arbeitsschwerpunkt: „Testen, testen, testen!“ Mehrere Teams würden für die Testungen Tag für Tag ausschwärmen. Gleiches gilt für die vom Land angeordnete verstärkte Hygieneüberwachung. „Das machen bei uns bereits seit Wochen 170 bis 180 Personen“, so Tilman Fuchs. Und zwar lange bevor das Land die Maßnahme einforderte. Ob man das personell auf Dauer durchhalten könne, das stehe auf einem anderen Blatt.

Natürlich, so Tilman Fuchs, treffe man manchmal auch Entscheidungen, die man Tage später vielleicht anders treffen würde: „Die Lage ist halt extrem dynamisch.“ Und Martin Sommer ergänzt: „Wir müssen häufig binnen kürzester Zeit entscheiden.“

Dr. Karlheinz Fuchs sagt, er werde bisweilen gefragt, ob es aufgrund der hohen Fallzahlen derzeit im Kreis Steinfurt unsicherer sei als anderswo. „Ich sage dann immer: Nein, im Gegenteil, ihr seid hier eher sicherer als anderswo. Denn zu jedem Infizierten gehört eine Kette, die durchbrochen worden ist.“